Was ist ein Beispiel für pragmatisch sein?

Das Wort „pragmatisch“ (sowie „Pragmatismus“) hat zwei verschiedene Bedeutungen. In unserer Alltagssprache bedeutet es in etwa „sachbezogen“ oder „auf die Nützlichkeit von etwas bezogen“ (siehe den Artikel Was ist die Definition von „pragmatisch“? für weitere Details). Daneben gibt es aber auch noch eine andere, philosophische Bedeutung. Denn in der Philosophie gibt es eine eigenständige Denkströmung des philosophischen Pragmatismus, die im 19. Jahrhundert in den USA entstanden ist und auch heute noch einflussreich ist.

Die philosophische Bedeutung von Pragmatismus und pragmatisch sein ist nicht das komplette Gegenteil unserer alltagssprachlichen Bedeutung, aber geht doch deutlich über diese hinaus. Ich will daher zwei Beispiele dafür geben, was es bedeutet, „pragmatisch zu sein“. Eines im alltagssprachlichen und eines im philosophischen Sinn.

„Pragmatisch sein“ im alltagssprachlichen Sinn

Nehmen wir an, ich brauche ein neues Auto und ich sage zur möglichen Auswahl „ich bin da ganz pragmatisch“. Dann bedeutet das, dass ich mich bei der Auswahl des Autos auf den praktischen Nutzen konzentriere. Das neue Auto soll zum Beispiel klein und wendig sein, weil ich in der Großstadt in einer engen Straße mit chronischem Parkplatzmangel lebe. Es braucht aber auch genug Platz für die Einkäufe im Kofferraum, für zwei Kindersitze auf der Rückbank und sollte nicht zu teuer sein.

Andere abstrakte Aspekte wie die Marke, die Emotionen, die ich mit der Marke verbinde, das „Lebensgefühl“ und den „Status“, den das Auto vermitteln soll oder seine Farbe interessieren mich viel weniger, wenn ich die Sache pragmatisch angehe. Stattdessen konzentriere ich mich auf die praktische Nützlichkeit und die Sache selbst, also in dem Fall das Auto und seine Funktion.

Genauso wäre es, wenn ich auf dem Heimweg von der Arbeit noch schnell einige Lebensmittel einkaufen möchte. Wenn es spät ist und ich bereits müde bin, werde ich vielleicht pragmatisch sein und bei dem Supermarkt anhalten, der auf meinem Heimweg liegt. Auch wenn der meine Lieblingslimo nicht im Sortiment hat und ich diese Supermarktkette eigentlich boykottieren wollte, weil dort vor zwei Jahren meine Tante entlassen wurde. Aber in dem Fall priorisiere ich den akuten praktischen Nutzen (geringerer Umweg und ich bin schneller daheim) und sehe über die anderen Punkte hinweg.

„Pragmatisch sein“ im philosophischen Sinn

„Pragmatisch sein“ im philosophischen Sinn bedeutet etwas anderes, aber nicht komplett. Auch der philosophische Pragmatismus fokussiert auf die Ebene der Praxis und der Nützlichkeit, wenn es um unser Denken und Handeln geht. Aber er macht das eher beschreibend und eben auf einer philosophischen Ebene.

Für den philosophischen Pragmatismus sind wir Menschen praktische Wesen, die ständig Dinge ausprobieren, um zu lernen. Das ist unser Normalzustand als Menschen, auch wenn wir oft versuchen, dieses imperfekte Ausprobieren zu kaschieren. Stattdessen erklären wir unser Handeln und unsere Entscheidungen mit rationalen Argumenten oder starren Prinzipien oder Werten, denen wir folgen.

Für den philosophischen Pragmatismus ist dieses Verstecken unnötig und kontraproduktiv. Damit versuchen wir nur die grundlegende Unsicherheit und Ungewissheit zu verdrängen, die uns ständig umgibt. Wir wissen eben nie, was die beste Entscheidung ist, was in Zukunft passieren wird, haben nie alle nötigen Informationen und haben – wenn wir ehrlich zu uns sind – erschreckend wenig Kontrolle über unser Leben und die Welt, die uns umgibt.

Diese Realität sollten wir dem Pragmatismus zufolge anerkennen, dann verliert sie auch ihren Schrecken und wir können praktisch damit arbeiten. Dann können wir den Prozess des ständigen „Versuch und Irrtum“, den wir alle kennen und jeden Tag durchlaufen, als unglaublich ermächtigend und entlastend annehmen. Wir müssen nicht perfekt sein, wir müssen nicht alles wissen. Nein, wir dürfen uns auch einmal irren oder scheitern, all das gehört für den Pragmatismus zu unserem Leben dazu. Diese Tatsache anzuerkennen und damit zu arbeiten, bedeutet es also im philosophischen Sinn „pragmatisch zu sein“.

Der pragmatische Prozess ist also einer des Glaubens (ich glaube, dass dieses und jenes stimmt), des Versuchens (ich handle nach dieser Überzeugung und setze sie in die Tat um), des Irrens (ich komme drauf, dass ich mit meiner Überzeugung falsch liege und scheitere) und des Verbesserns (ich passe meine Überzeugung an diese neue Erfahrung an und versuche es erneut).

Ein Beispiel

Ich glaube, dass ich für die Mathe-Prüfung nächste Woche nichts lernen muss, weil ich sowieso der Schlauste bin. Ich handle gemäß dieser Überzeugung und schreibe die Mathe-Prüfung ohne jegliche Vorbereitung. Zu meiner Überraschung erreiche ich null Punkte und falle glatt durch. Ich passe meine Überzeugung also an, anscheinend muss ich wohl doch was lernen. Für die nächste Prüfung bereite ich mich daher vor und bestehe mit einer guten Note.

Hier verhalte ich mich im philosophischen Sinn pragmatisch, würde ich sagen. Weil ich meine Überzeugungen und mein Verhalten anpasse, nachdem mir die Welt zurückspiegelt, dass meine bisherigen Überzeugungen praktisch nicht funktionieren. Ich bin also offen und lernfähig für neue Eindrücke und finde mich so in der Welt zurecht.

Mehr Infos im Buch

Diesen pragmatischen Prozess habe ich in meinem Buch „Was tun, wenn man nichts tun kann?“ ausführlich, verständlich und anhand vieler Beispiele beschrieben.

Nominiert für den NDR-Sachbuchpreis 2025 (Longlist)

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