Wenn man einen Begriff verstehen möchte, ist es oft eine gute Idee, darüber nachzudenken, was denn das Gegenteil dieses Begriffs ist. So ist es auch mit dem Begriff „pragmatisch„. Dieser bezeichnet in unserer Alltagssprache ja meist so etwas wie „sachbezogen“ oder „praxisbezogen“ (siehe auch den Beitrag Was ist die Definition von „pragmatisch“?).
Diese Definition ist aber natürlich sehr allgemein und bringt nur in einem sehr begrenzten Ausmaß Klarheit. Denn „sachbezogen“ kann so ziemlich alles heißen. Klarer wird die Bedeutung von pragmatisch jedoch, wenn man sich das Gegenteil von pragmatisch ansieht. Aufbauend auf den philosophischen Pragmatismus würde ich folgende Begriffe als das Gegenteil von pragmatisch definieren: dogmatisch, Ideologie- oder Prinzipien-geleitet.
Denn wo der Pragmatismus auf eine Sache und ihre praktischen Konsequenzen blickt, so blickt sein Gegenteil eben nicht auf die konkrete Sache, sondern die Prinzipien, Dogmen und Ideologien, die mit dieser Sache in Verbindung stehen.
Ein Beispiel zur Verdeutlichung
Um diesen Gegensatz zu verdeutlichen, können wir uns kurz das Beispiel Drogenpolitik ansehen. Oft wird die politische Bekämpfung illegaler Drogen von einem „Recht und Ordnung“-Prinzip geleitet, bei dem es vor allem darum geht, Stärke und Härte zu demonstrieren. In den USA ist dieses Vorgehen beispielsweise unter dem Schlagwort „War on Drugs“ („Krieg gegen Drogen“) bekannt.
Nur: Das Problem des illegalen Drogenhandels und -konsums wurde damit nicht nachhaltig gelöst. Zu stark war der Bezug auf starre Dogmen, Prinzipien und Ideologien. Denn alleine durch spektakuläre Verhaftungen, Erhöhung der Gefängnisstrafen und dem rigorosen Vorgehen gegen Produzenten, Dealer und Konsumenten lässt sich solch ein komplexes Problem eben nicht langfristig in den Griff bekommen.
Ein pragmatischer Ansatz würde diesen ganzen ideologischen Ballast hinter sich lassen und sachlich auf das Problem von Drogenhandel und -konsum blicken. „Welche negative Konsequenzen sind denn mit illegalen (aber auch legalen) Drogen verbunden und wie können diese minimiert werden?“ wäre dabei die pragmatische Leitfrage.
Am Ende dieser ergebnisoffenen und sachbezogenen Analyse würden möglicherweise mehr Therapieangebote sowie eine teilweise Legalisierung bestimmter Substanzen stehen. Denn was alle Maßnahmen im Bezug auf Drogenkonsum seit der US-amerikanischen Prohibition gezeigt haben: Mit Verboten allein ist dem Drogenproblem nicht Herr zu werden, stattdessen wir es dadurch oft einfach nur verdrängt oder verschoben.
Keine endgültigen Lösungen, sondern fragendes Voranschreiten
Sachbezogen und pragmatisch bedeutet allerdings nicht, dass es sowas wie eine „objektiv“ richtige Lösung gibt, die man schon findet, wenn man sich lange genug auf die „Sache“ konzentriert. So funktionieren gesellschaftliche Entscheidungen in der Regel nicht. Ein pragmatisches Vorgehen ist daher immer ein gemeinsames, offenes und versuchendes Vorgehen, das ständigen Anpassungen und Veränderungen unterworfen ist.
Mehr Infos im Buch
Diesen pragmatischen Prozess habe ich in meinem Buch „Was tun, wenn man nichts tun kann?“ ausführlich, verständlich und anhand vieler Beispiele beschrieben.

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